Das Ende des Managements, wie wir es kennen

Der Wettbewerb wird immer schärfer, ein neuartiger Unternehmergeist treibt die digitalisierte Wirtschaft im 21. Jahrhundert an, das Geschäftsleben wird immer schneller und zudem globaler: Auf diese Annahmen bauen unzählige Managementkonzepte und MBA-Programme, Bestseller und Strategiepapiere. Doch leider sind diese Annahmen falsch.

Der britische Economist publizierte vor kurzem einen bemerkenswerten Artikel, in dem er den heutigen Managementtheorien – und allen daraus abgeleiteten praktischen Umsetzungen – das Fundament entzieht. Vier Annahmen, die allen gängigen Managementkonzepten zu Grunde liegen, halten dem Realitäts-Check nicht (mehr) stand.

Erste Annahme: Der Wettbewerb wird immer intensiver

Diese Annahme ist falsch. Der prägende Trend ist heute nicht mehr Wettbewerb, sondern Konsolidierung. Der Markt für Mergers & Akquisitions (Unternehmenskäufe und -zusammenschlüsse) boomt seit 2008 wie noch nie zuvor. Besonders deutlich ist dies gerade in den USA zu beobachten – und dort speziell im Silicon Valley, wo einige wenige Unternehmen das Geschehen komplett dominieren.

Zweite Annahme: Ein dynamischer Gründergeist prägt unsere Zeit

Auch diese Annahme stimmt nicht. Zwar liefern einige digitale Start-ups tatsächlich packende Erfolgsgeschichten. Unternehmenslenker und Politiker sehen im Unternehmergeist Vorbildcharakter und rufen Initiativen und Förderprogramme ins Leben. Doch die Statistik zeigt in der Breite einen anderen Trend: In den USA geht seit Ende der 1970er-Jahre der Anteil neu gegründeter Unternehmen Jahr für Jahr zurück. In manchen Jahren geben mehr Unternehmen auf, als neu an den Start gehen. Und in Europa bleiben die meisten Neugründungen unbedeutend klein und sind aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht erfolgreich. Die Entrepreneure erleben Niederlagen, kehren entweder in große Organisationen und auf etablierte Karrierepfade zurück – oder fristen ein Dasein am Rande des Existenzminimums.

Dritte Annahme: Das Geschäft wird immer schneller

Nun, auch diese Annahme ist – überraschenderweise – falsch. Zwar sind einige Internetfirmen tatsächlich beeindruckend schnell gewachsen und konnten innerhalb von wenigen Jahren Abermillionen Kunden gewinnen. Doch historisch gesehen ist dies nichts Neues: 1913 startete Henry Ford die Fließbandproduktion und nur zwei Jahrzehnte später besaß jeder zweite Haushalt in den USA ein motorisiertes Privatauto. Mehr noch: In vielerlei Hinsicht bewegen sich Unternehmen derzeit langsamer als z.B. zu Wirtschaftswunderzeiten. Gerade weil es per Mail, Skype und WhatsApp möglich ist, weltweit alle erdenklichen Menschen und Organisationseinheiten in jede Entscheidung einzubeziehen, werden die Entscheidungswege länger und komplexer. Überlegen Sie: Wann haben sie zum letzten Mal erlebt, dass direkt in einem Gespräch von den persönlich Anwesenden etwas verbindlich entschieden wurde?

Vierte Annahme: Die Globalisierung schreitet unaufhaltsam fort

Und auch die vierte und letzte Vorannahme gängiger Managementtheorien ist falsch. Ein Blick auf die Geschichte zeigt vielmehr, dass Globalisierung in Wellen verläuft und keine klare Richtung aufweist. In den Jahrzehnten von 1880–1914 war die Welt in mancherlei Hinsicht so globalisiert wie heute. Diese »Welt von gestern« (Stefan Zweig) ging in den Schützengräben von Verdun unter. Sie wurde von einem Zeitalter abgelöst, das von Protektionismus und nationalen Selbstinteressen geprägt war. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs erlebte die Welt zweieinhalb Jahrzehnte rasanter Globalisierung. Doch die politische Entwicklung in vielen Ländern deutet mittlerweile darauf hin, dass wir in diesen Monaten das Ende dieser Phase erleben.

It’s politics, stupid!

Die uns heute vertrauten Managementansätze entstanden in den Jahren zwischen 1980 und 2008. Sie atmen die Ideen des Wirtschaftsliberalismus. Sie entfalteten sich in einem gemäßigten weltpolitischen Klima, in dem Politiker aus dem mittleren Spektrum offen für globale Vereinbarungen waren und entsprechende Rahmenbedingungen schufen. Diese Rahmenbedingungen haben sich seit der Finanzkrise radikal verändert. Der Brexit-Entscheid und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten beschleunigen die Entwicklung zusätzlich. Die Management-Vordenker haben diese Wende nicht kommen sehen. Möglicherweise haben sie schlicht unterschätzt, welche Bedeutung politische Entscheidungen auf das Wirtschaftsleben haben.

Und nun?

Als Unternehmer, Führungskraft oder Berater steht man etwas ratlos vor dieser Diagnose. Worauf gründen wir unser Handeln, wenn die Konzepte, die wir kannten, nicht mehr passen? Für die praktische Führungsarbeit könnten die Konsequenzen aus dem Artikel möglicherweise lauten:

  • Ich verlasse mich auf mein eigenes Urteilsvermögen und meine eigenen Erfahrungen.
  • Vorgefertigten Konzepten begegne ich mit Skepsis und prüfe, ob sie hier und jetzt stimmig sind.
  • Ich schaue mir den konkreten Einzelfall an und überlege sinnvolle nächste Schritte.
  • Ich fliege aufmerksam »auf Sicht« und bin bereit, die Richtung zu ändern, wenn sich ein Weg als Holzweg entpuppt.

Wie klingt das für Sie?

Herzlich grüßt

Stefan Brückner

 

Quelle und Literatur

Out with the old. Management theory is becoming a compendium of dead ideas. In: The Economist, December 17th 2016, page 59 (www.economist.com).

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Januar 2017 © by Stefan Brückner Unternehmensberatung & Coaching, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten. Foto: Maighelspass © Stefan Brückner