Leitfaden für lösungsfokussierte Gespräche

Lösungsfokussierte Gespräche wirken stets aufs Neue erfrischend. Was vor kurzem noch unlösbar schien, wird wie durch ein Wunder spielerisch leicht. Wie gelingt dieser »Dreh« (Steve de Shazer) in der Praxis?

Um klar zu sehen, reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung. (Antoine de Saint-Exupéry)

Auch wenn jedes Gespräch auf seine Weise einzigartig ist und einer ganz eigenen Logik folgt: In der Praxis durchlaufen lösungsfokussierte Beratungs- und Führungsgespräche häufig vier typische Phasen

Phase 1: Gesprächsvereinbarung

Es wird eine gemeinsame Vereinbarung über das Ziel des Gesprächs getroffen. Wir fragen z. B.: »Was soll in diesem Gespräch/diesem Workshop/diesem Projekt passieren, damit Sie am Schluss sagen können: ‚Wow! Das hat sich für mich gelohnt!‘?«

Phase 2: Futur Perfekt – »angenommen, das Problem ist nicht mehr da«

Nun reisen wir in die Zukunft und malen uns diese en détail und in Farbe aus. Wir überlegen, woran wir konkret merken, dass diese Zukunft eingetroffen ist. Wir können fragen: »Angenommen, das Gespräch/der Workshop/das Projekt hat sich für Sie tatsächlich richtig gelohnt und Sie haben Ihr Problem/Ihre Herausforderung gelöst. Woran werden Sie dies erkennen?«

Phase 3: Erfolgsgeschichten – Vorboten der Lösung

Wir reisen in die nahe Vergangenheit und suchen nach Ausnahmen vom Problem. Wo ist es uns schon einmal gelungen, eine ähnliche Herausforderung zu meistern? In solchen Erfolgsgeschichten entdecken wir Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen, die uns helfen, das jetzige Problem zu lösen. Wir kommen solchen Vorboten der Lösung z. B. auf die Spur, wenn wir fragen: »Gab es in den letzten Wochen/Monaten Situationen, in denen Sie ein klein wenig von dem ‚Wow!‘-Gefühl erleben konnten? Wie haben Sie das geschafft?«

Phase 4: Kleine Schritte – ins Handeln kommen und quick wins erzielen

Erfahrungen im lösungsfokussierten Arbeiten zeigen, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit umso höher ist, je schneller wir ins Handeln kommen. Ins Handeln kommen wir besonders gut, wenn uns der nächste Schritt glasklar ist und wir zuversichtlich sind, dass wir ihn schaffen. Wir fragen: »Nehmen Sie an, Sie haben einen ersten Schritt in Richtung Ihres Ziels getan. Woran werden Sie erkennen, dass Sie einen Schritt weiter sind?«

Anwendungsfelder

Dieser Gesprächsablauf kann variiert und auf verschiedene Kontexte angepasst werden. Er lässt sich mit anderen Methoden kombinieren und in viele bekannte Führungs- und Arbeitssituationen einbringen, z. B.

  • zur Selbstführung: Entscheidungsfindung, Selbstmotivation, Selbstreflexion
  • im Einzelgespräch: Bewerbungsgespräch, Mitarbeitergespräch, Kritikgespräch
  • in Gruppensituationen: Projektmeetings, Workshops, Teamentwicklungen
  • auf Organisationsebene: Strategieentwicklung, Veränderungsvorhaben
Fallstricke

Im lösungsfokussierten Modus übertragen wir viel Verantwortung und Autonomie auf unsere Gesprächspartner, seien es Kunden, Kollegen oder Mitarbeitende. Es werden andere Lösungen entstehen, als wir selbst vorschlagen und erwarten würden. Dazu sollten wir bereit sein. In jeder Organisation gibt es zudem Rahmenbedingungen, die nicht verhandelbar sind. Der Rahmen begrenzt den Erfindungsraum von Lösungen. Falls es solche Grenzen gibt, müssen wir diese transparent machen und sie klar und deutlich benennen. Und: Für zeitkritische Notfallsituationen, »harte« Restrukturierungen und direktive Top-down-Prozesse eignet sich der lösungsfokussierte Ansatz eher nicht.

Chancen und Potenziale

In vielen Führungs- und Beratungssituationen können wir mit dem lösungsfokussierten Methodenrepertoire ausgezeichnete Ergebnisse erzielen. Falsch machen können wir nichts, Experimentieren ist ausdrücklich erwünscht: Wenn etwas gut funktioniert, tun wir mehr davon. Fuktioniert etwas nicht so gut, machen wir etwas anderes. Wer beginnt, lösungsfokussierte Fragen zu stellen, wird schnell bemerken, dass seine Gespräche eine bessere Qualität und eine tiefere Bedeutung erhalten – und einen Unterschied bewirken. Wer dann beobachten darf, wie Menschen Chancen nutzen und ihre Potenziale entfalten, wird sich entspannt zurücklehnen und vielleicht denken: »Wow, das hat sich wirklich gelohnt!«

Lesen Sie auch die folgenden Artikel:

Lösungsorientierte Kommunikation – der Team-Workshop für Neugierige

Lösungsfokus in der Beratung

Quellen und Literatur

Susanne Burgstaller (Hrsg.): Lösungsfokus in Organisationen. Zukunftsorientiert beraten und führen. Heidelberg 2015.

Daniel Meier/Peter Szabó: Coaching erfrischend einfach. Einführung ins lösungsorientierte Kurzzeitcoaching. Luzern 2008.

Ruth Seliger: Positive Leadership. Die Revolution in der Führung. Stuttgart 2014.

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