Lösungsfokus in der Beratung

Wir haben gelernt: Bevor wir ein Problem lösen können, müssen wir es genau analysieren und verstehen. Bloß: Das braucht viel Zeit und führt selten zu wirklich neuen Ideen. Die erfrischende Alternative in der Beratung heißt »Lösungsfokus«.

Das Grundprinzip

Arbeiten wir mit dem lösungsorientierten Ansatz, ist uns das Problem, salopp gesagt, egal. Wir verwenden möglichst viel Zeit, Gedanken und Energie auf das (Er-)Finden von Lösungen. Wir malen uns detailliert und konkret aus, welche Zukunft wir uns wünschen. In dem, was uns bereits jetzt gut gelingt, erkennen wir Stärken, auf die wir bauen. Wir gehen den nächsten Schritt und kommen sofort ins Handeln. Mit etwas Glück lösen wir eine positive Kettenreaktion aus, die uns schwungvoll in Richtung Ziel trägt.

Die Ursprünge

Eine Forschergruppe um Insoo Kim Berg und Steve de Shazer entwickelte den lösungsfokussierten Ansatz in den 1970er-Jahren in Milwaukee (USA). Sie bemerkten, dass sich durch die Konzentration auf Lösungen die Konsultationszeit im Vergleich zu den bisherigen problemorientierten und analytischen Methoden um 70% senken ließ. Bald schon entdeckten nicht nur Psychologen, sondern auch Führungskräfte, Coaches und HR-Fachleute  diesen Ansatz für sich.

Lösungsfokussiertes Arbeiten beruht auf einigen wenigen Vorannahmen:

1. Statt Probleme zu analysieren, (er-)finden wir Lösungen.

Wir nehmen an, dass die Wirklichkeit das Ergebnis unserer eigenen Konstruktion ist. Die Welt ist nicht, wie sie »objektiv« ist. Sie ist so, wie wir sie subjektiv wahrnehmen. Diese konstruktivistische Weltsicht gibt uns die Freiheit, auf jene Teile der Wirklichkeit zu fokussieren, die uns interessieren. Wenn wir Lösungen wünschen, sollten wir uns auf Lösungen konzentrieren – und nicht auf Probleme.

2. Unsere Gesprächspartner haben bereits Erfahrung mit der Lösung.

Kein Problem besteht dauernd in der gleichen Intensität. Was geschieht eigentlich in der übrigen Zeit? Und wie können wir diese Erfahrung für die Entwicklung einer Lösung nutzen? Wir suchen also nach positiven Ausnahmen vom Problem, finden heraus, was schon gut funktioniert – und tun mehr davon.

3. Unsere Gesprächspartner sind die Experten oder: »Repariere nicht, was nicht kaputt ist!«

Lösungsfokussierte Gespräche erkennen wir daran, dass wir unseren Gesprächspartnern viel zutrauen. Denn wir wissen: Nicht die von mir für mein Gegenüber maßgeschneiderte Lösung ist die beste – sondern die von ihm selbst entwickelte Lösung. Als Berater halten wir uns deshalb zurück mit expliziten Ratschlägen.

4. Nichtwissen ist nützlich.

In lösungsfokussierten Gesprächen suchen wir Interpretationen, Andeutungen und Vermutungen vergeblich. Es gilt das, was gesagt wird. Was nicht gesagt wird, ist nicht da. Neugieriges Fragen steht im Vordergrund. Eine unvoreingenommene, offene Grundhaltung eröffnet Möglichkeiten und Perspektiven.

Literatur

Susanne Burgstaller (Hrsg.): Lösungsfokus in Organisationen. Zukunftsorientiert beraten und führen. Heidelberg 2015.

Daniel Meier/Peter Szabó: Coaching erfrischend einfach. Einführung ins lösungsorientierte Kurzzeitcoaching. Luzern 2008.

Ruth Seliger: Positive Leadership. Die Revolution in der Führung. Stuttgart 2014.

Rechtehinweis

Text: 2017 © by Stefan Brückner unter Verwendung der o.g. Quellen; Foto: Eggishorn © Vit Kovalcik/fotolia